Gute Fortschritte in Italien: viel Vertrauen, dass alles fertig wird
Olaf Tabor, DOSB-Vorstand Leistungssport, erlebt vom 6. bis 22. Februar 2026 in Italien erstmals Olympische Winterspiele als Chef de Mission des Team D. Im Interview bewertet der 54-Jährige den Stand der Vorbereitungen und blickt voraus auf die wichtigsten Herausforderungen.

01.04.2025

DOSB: Olaf, du warst in der vergangenen Woche für sieben Tage auf Inspektionsreise in Norditalien unterwegs. Welchen Eindruck hast du vom Stand der Vorbereitungen?
OLAF TABOR: Ich konnte mir an den sechs Clustern, in denen die Spiele stattfinden werden, die Wettkampfstätten anschauen. Überall ist noch manches im Bau oder in der Modernisierungsphase, was aber normal ist. Es sind nur wenige Sportstätten, die noch Bauchschmerzen bereiten und bei denen man viel Fantasie benötigt, um sich vorzustellen, dass in elf Monaten dort alles fertig sein wird. Aber dass sie Wunder vollbringen können, haben die Italiener mit dem Bau des Eiskanals in Cortina bewiesen. Dort gab es vor einigen Wochen noch die Sorge, dass die Wettkämpfe im Rodeln, Bob und Skeleton in die USA verlegt werden müssten. Jetzt steht da nicht nur eine Bahn, auf der bereits erste Testfahrten stattgefunden haben, sondern sie wird auch noch von allen Seiten ausgesprochen positiv bewertet. Deshalb habe ich großes Vertrauen in die Veranstalter, dass alles rechtzeitig und vor allem zufriedenstellend fertig wird.
Der Eiskanal musste neu gebaut werden, was für viel Kritik gesorgt hat, die anderen Sportstätten sind aber allesamt bestehende Austragungsorte. Ist dort dennoch viel Modernisierungsbedarf?
TABOR: Zu Olympischen Spielen müssen alle Wettkampfstätten auf den erforderlichen olympischen Standard gebracht werden, und daran wird intensiv gearbeitet, insbesondere an den Mailänder Sportarenen, an den Schanzen in Val di Fiemme und im Biathlon-Stadion von Antholz. Aber das angestrebte Ziel, dass zu den Testwettkämpfen zu Beginn der kommenden Wintersportsaison alles auf dem gewünschten Stand sein wird, dürfte erreicht werden. Italien verfügt als ein Kernland des Wintersports über großen Sachverstand. Wir haben es an allen Austragungsorten mit erfahrenen Ausrichtern von Sportgroßveranstaltungen zu tun. Die wissen genau, was zu tun ist, die Eventerfahrung und die Organisationskompetenz sind überall hoch. Und das beruhigt mich.
Wie steht es um die Unterbringung der Teams und Delegationen, ist da alles im Plan?
TABOR: Für die Olympiamannschaften aus aller Welt gibt es keinerlei Engpässe in der Unterbringung oder bei der Versorgung. Es gibt in Mailand, Cortina und Val di Fiemme Olympische Dörfer, in Antholz, Bormio und Livigno werden mehrere Hotels zu einer Art temporärem Dorf zusammengeschlossen. Die Rahmenbedingungen sind überall unterschiedlich, aber gerade das trägt dem Charme der regionalen Besonderheiten Rechnung. Und um die Verpflegung muss sich in Italien sowieso niemand Sorgen machen; höchstens, dass man zunehmen könnte…
Als größte Herausforderung wird die große Entfernung zwischen den Clustern und das dadurch entstehende Verkehrsproblem beschrieben. Wie schätzt du das ein?
TABOR: Es war von Beginn an klar, dass die Entfernung zwischen den Clustern eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten werden würde. Es werden die am weitesten in die Fläche verzweigten Spiele seit 2006 in Turin sein. Mal eben von Cluster A nach B zu fahren, das wird nicht so einfach möglich sein, denn schon bei normalen Straßenverhältnissen liegen bis zu fünf Stunden Fahrt zwischen den entferntesten Austragungsorten. Und im Winter, bei schlechtem Wetter und zusätzlich mit einem hohen Aufkommen an Fans, die die Wettkämpfe besuchen wollen, wird das noch deutlich komplizierter. Vor diesen Problemen stehen vor allem die großen Teams, die in allen Clustern Athleten haben. Über das Thema Transport zerbrechen sich viele Verantwortliche schon länger den Kopf.
Das Deutsche Haus wird in Cortina sein. Können Medaillengewinner von anderen Clustern dort ihre Triumphe wie gewohnt feiern?
TABOR: Aller Voraussicht nach wird das nicht immer am selben Abend möglich sein, aber natürlich setzen wir wieder alles daran, die erfolgreichen Athleten und Athletinnen im Deutschen Haus gebührend zu feiern. Es sind aber noch ein paar Puzzleteile zusammenfügen, um unseren Athletinnen und Athleten auch an den anderen Standorten eine angemessene Würdigung zu ermöglichen. Das ist eine besondere Herausforderung, die wir sicher auch durch Videoschalten lösen werden, ehe wir die Medaillengewinner am nächstmöglichen Tag nach ihrem Wettkampf im Deutschen Haus empfangen können. Derartige Zuschaltungen werden übrigens auch bei der Eröffnungsfeier zum Einsatz kommen. Das zentrale Event findet in Mailand statt, aber es soll in allen Clustern einen Einmarsch der Nationen geben. Das Ganze wird dann medial zu einem Gesamtbild zusammengefügt. Das ist eine sehr herausfordernde, aber sicherlich auch spektakuläre Angelegenheit, und es wird vielen Teilnehmern ermöglicht, am Auftakt der Spiele mitzuwirken.
Was dürfen die Besucher des Deutschen Hauses erwarten, nachdem in Paris mit dem „Home of Team Deutschland“ im Rugbystadion neue Maßstäbe gesetzt wurden?
TABOR: Der Standort im Golfclub von Cortina ist großartig gelegen und bietet genau die Atmosphäre, die wir bei Winterspielen so lieben. Auch für unsere Fans wird es erneut einen Treffpunkt geben, etwas kleiner als in Paris natürlich. Auch die Kombination mit einem kleinen Trainingszentrum darf nicht fehlen. Ich bin überzeugt, dass die Kolleginnen und Kollegen von der DSM (Anm. d. Red.: Deutsche Sport Marketing) wieder eine Location schaffen, die alles bietet, worauf sich Athletinnen und Athleten, Fans und Wegbegleiter von Team D freuen.
Du bist erstmals bei Winterspielen in der Rolle des Chefs de Mission unterwegs. Was genau sind dabei deine Aufgaben? Wäre Teamleiter der passende deutsche Begriff?
TABOR: Das trifft es ziemlich genau, ja. Mir obliegt die sportliche und organisatorische Gesamtverantwortung für das Team D. Ich halte den Kontakt zum IOC und zu den Verantwortlichen des Organisationskomitees. Eine weitere wesentliche Funktion besteht darin, den Medien als übergeordneter Ansprechpartner Rede und Antwort zu stehen. Und selbstverständlich unterstütze ich auch bei der Begleitung diplomatischer oder politischer Gäste, da bin ich als Teil der Delegationsleitung Ansprechperson für unsere Partner. Das alles kann aber nur mit einem erfahrenen und eingespielten DOSB-Team gelingen, das gemeinsam mit den Verantwortlichen aus den Verbänden für bestmögliche Rahmenbedingungen sorgen wird.
Du warst in Paris erstmals Chef de Mission. Wie unterscheiden sich Sommer- und Winterspiele in dieser Funktion, sofern das schon absehbar ist?
TABOR: Theoretisch gar nicht, denn das Portfolio der Aufgaben ist bei beiden Spielen identisch. Praktisch ist es allerdings ein großer Unterschied, denn durch die größere Zahl an Teilmannschaften, Sportarten und Teammitgliedern ist die Komplexität im Sommer sicherlich etwas höher. Dazu kommt, dass jeder Austragungsort seine speziellen Herausforderungen bietet. Paris ist mit keiner anderen Ausrichterstadt der jüngeren Vergangenheit vergleichbar, in Italien wird es mit Sicherheit ganz anders und wegen der großen Distanzen für uns nicht ganz einfach. Winterspiele haben ihren eigenen, besonderen Charme - zumal in den Alpen -, und das macht sie eben so einzigartig. Aber ich kann das abschließend natürlich erst beurteilen, wenn meine ersten Winterspiele als Chef de Mission hinter mir liegen.
Du hast deinen politischen Aufgabenbereich angesprochen. Italien hat in Giorgia Meloni eine Ministerpräsidentin, die der als rechtsextrem eingestuften Partei Fratelli d’Italia angehört. Fürchtest du, dass daraus Probleme entstehen könnten?
TABOR: Wir haben in der zurückliegenden Wochen nichts davon gespürt. Wenn es bereits aktuell Schwierigkeiten dieser Art geben sollte, haben die Veranstalter diese sehr charmant verborgen. Auf lokaler und regionaler Ebene gibt es bei Großveranstaltungen immer Ungereimtheiten. Dass es also immer mal politisch ruckelt, ist bei fast allen Spielen normal. Wir haben jedenfalls beim Chef-de-Mission-Seminar keine Hinweise gefunden, die aus politischen Gründen auf Beeinträchtigungen schließen lassen.
Glaubst du, dass der Wechsel an der IOC-Spitze von Thomas Bach zu Kirsty Coventry etwas an der Herangehensweise des IOC an die Organisation und Durchführung der Spiele verändern wird?
TABOR: Es ist deutlich zu früh, das zu beurteilen. Kirsty Coventry übernimmt das Amt erst im Juni. Sollte sie Dinge grundlegend verändern wollen, was sich bislang nicht abzeichnet, werden wir das erst mit einiger Verzögerung sehen.
Bleibt noch die Frage nach der sportlichen Zielstellung des Team D für die Winterspiele 2026. Lassen die beeindruckenden Leistungen in der Wintersportsaison 2024/25 erwarten, dass der zweite Rang im Medaillenspiegel, den wir 2022 bei den Spielen in Peking erreichen konnten, wiederholt wird?
TABOR: Aktuell ist es für eine sportliche Prognose tatsächlich zu früh. Die Qualifikationen laufen fast alle noch. Nur im Eishockey steht bereits fest, dass wir mit beiden Teams antreten können, ein großer Erfolg insbesondere für die Frauen. Angesichts der Vorleistungen in dieser Saison werden wir als Wintersportnation selbstverständlich mit entsprechenden Ambitionen nach Italien reisen. Was genau dem Team Deutschland sportlich zuzutrauen ist, lässt sich allerdings erst dann besser einschätzen, wenn die erforderlichen Quotenplätze eingefahren wurden und damit die Gesichter in unserem Team feststehen. Drücken wir allen die Daumen, dass sie gesund bleiben und sich viele Athletinnen und Athleten den Traum von Olympia erfüllen.