Zurück zu alter Stärke: Wie der olympische Sommersport die Trendwende schaffen will
Auf der ersten Olympiakonferenz im DOSB wurden am Montag und Dienstag die Ergebnisse der Sommerspiele 2024 analysiert und diskutiert, wie die Rückkehr unter die Top fünf des Medaillenspiegels gelingen kann.

03.04.2025
Eineinhalb spannende Konferenztage neigten sich ihrem Ende entgegen, als Olaf Tabor die Frage aufwarf, die sich viele Teilnehmende im Konferenzraum Arena in der Zentrale des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Frankfurt am Main stellten. „Wir haben viel gearbeitet, sehr engagiert und fachlich fundiert diskutiert, was uns zeigt, wie wichtig diese Veranstaltung war“, sagte der Vorstand Leistungssport im DOSB, „aber was machen wir nun damit?“ Eine Frage war das, deren Beantwortung in der Tiefe einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Schließlich war die Olympiakonferenz mit dem Arbeitstitel „Team D auf dem Weg in die Zukunft: Analyse und Ableitungen aus dem Olympiazyklus Paris”, zu der der DOSB in dieser Form erstmals geladen hatte, als Anstoß dazu gedacht, wichtige Veränderungen nicht nur zu diskutieren, sondern endlich auch umzusetzen. Mit dem Ziel, den Abwärtstrend der Sommersportarten zu stoppen und in der Medaillenwertung langfristig wieder unter die besten fünf der Welt vorzustoßen.
Wie schwierig diese Aufgabe ist, davon bekamen die rund 120 geladenen Gäste, darunter sowohl Sportverantwortliche und Bundestrainer*innen aus den olympischen Sommersportverbänden als auch Leiter*innen der Olympiastützpunkte, Vertreter*innen der Landessportbünde und der DOSB-Athletenkommission, einen Eindruck, der zwar nicht neu war, aber unterstrich, wie quälend der über Jahre aufgestaute Frust bei einigen geworden ist. Sachliche, aber deutliche Kritik war indes ausdrücklich erwünscht. „Wir haben dieses Format gewählt, um offen und direkt die Punkte anzusprechen, die uns daran hindern, eine bessere Performance zu bringen als bei den Spielen in Paris, bei denen wir mit der Gesamtleistung nicht zufrieden sein konnten. Deshalb war uns diese Analyse und die notwendige kritische Diskussion sehr wichtig“, erklärte Olaf Tabor, dessen Team aus dem Geschäftsbereich Leistungssport die Konferenz vorbereitet hatte, den Ansatz.
Ausdrücklich sollte die Aussprache zunächst intern erfolgen, um Vertraulichkeit und eine professionelle Atmosphäre zu garantieren. Dass einige Teilnehmende den späten Zeitpunkt der Analyse kritisierten, nahm Tabor als wichtige Anregung auf, sagte aber auch: „Solche wichtigen Termine müssen anständig vorbereitet werden.“ Und das war diese Konferenz, die vom ehemaligen ARD-Sportkoordinator und heutigen Geschäftsführer der Finals GmbH, Hagen Boßdorf, kompetent und mit viel Fachkenntnis moderiert wurde, zweifelsohne.

Effektivitätsbilanz des Team D sinkt stetig
Zum Auftakt am Montagmittag untermauerte Dr. Jürgen Wick, stellvertretender Direktor und Fachbereichsleiter Ausdauersport am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT), mit Daten und Fakten in seiner Olympiazyklus-Analyse den Status Quo des deutschen olympischen Sommersports. Unter anderem konnte er darlegen, dass die Effektivitätsbilanz des Team D stetig sinkt. Konnten bei den Spielen 2000 in Sydney (Australien) noch 56 von 501 Medaillen (11,18 Prozent) gewonnen werden, waren es in Paris nur noch 33 von 564 (5,85 Prozent).
Anschließend wurde in Kleingruppen-Workshops über zwei Stunden in acht vorgegebenen Themenbereichen der kollegiale Austausch gesucht: Entwicklung von Nationalmannschaften unter Einfluss von Ligastrukturen; Profisport: Verbandseinfluss und Umgang mit im Ausland trainierenden Athlet*innen; Zentralisierung an Stützpunkten; Trainer-Berater-System; Leistungsdiagnostik; Talentfindung/Nachwuchsentwicklung; sportpsychologische Unterstützung; Potenziale bei Trainingsumfang und -konzentration sowie Athletenbetreuung vorübergehend olympischer Teamsportarten.
In einer offenen und sehr intensiven Podiumsdiskussion versuchten im Anschluss Karla Borger (DOSB-Athletenkommission), Robert Bartko (Leiter Verbandsberatung und Sportförderung im DOSB), Christian Dünnes (Chefbundestrainer Halle im Deutschen Volleyball-Verband), Arndt Hanisch (Chefbundestrainer Kanurennsport), Dr. Bernd Neudert (Olympiastützpunktleiter und Geschäftsführer Leistungssport des Landessportbunds Thüringen) und Dr. Marc-Oliver Löw (Direktor IAT), sich den unterschiedlichen Problemfeldern anzunähern. Karla Borger sprach insbesondere den fehlenden Nachwuchs an, als sie sagte: „Wir müssen schauen, wie wir Athlet*innen fördern, die nicht staatlich gefördert werden.“ Robert Bartko griff das seit vielen Jahren propagierte und vom DOSB auch weiterhin vorgegebene Ziel, unter die Top fünf der Medaillenwertung zu kommen, im Hinblick auf dessen gezielte Verfolgung kritisch auf: „Ich merke, dass in unserem System nicht alle auf die Medaillen zielen. Da gibt es viel Potenzial.“
Christian Dünnes beklagte die fehlende gesellschaftliche Unterstützung für den Leistungssport: „Wir sind in Deutschland nicht bereit, den Leistungssport so zu unterstützen, wie es notwendig wäre. Das Ergebnis von Paris ist ein Resultat des Stellenwerts des Sports in der Gesellschaft.“ Marc-Oliver Löw stellte infrage, „wie wir Ziele definieren wollen, wenn wir nicht wissen, wofür wir stehen wollen? Wir haben uns in der Kleinteiligkeit verloren und brauchen wieder mehr Vertrauen in die Verantwortlichen.“ Arndt Hanisch appellierte an den Fleiß, der in der Gesellschaft und auch im Leistungssport verloren zu gehen drohe: „Bevor man den Berg erklimmt, muss man durchs Tal.“
Die Gründe für die deutsche Talfahrt im internationalen Vergleich erläuterte am späten Montagnachmittag Kerstin Henschel, Fachbereichsleiterin Strategie und Wissensmanagement im IAT, die ebenfalls anhand valider Daten wichtige Defizite nachweisen konnte. So hatte das Team D in Paris 28,2 Prozent seiner Finalteilnahmen in Medaillen umwandeln können, China als Spitzenreiter dieses Rankings aber mit 58 Prozent mehr als doppelt so viele. Und während die USA 92 ihrer 126 Medaillen (73 Prozent) in den medaillenträchtigsten Top-10-Sportarten gewannen, gelang dies Deutschland nur mit 12 von 33 (36,4 Prozent).
Für einen sehr gelungenen Abschluss des ersten Tages sorgte schließlich der aus Oslo zugeschaltete Tore Øvrebø, Chef de Mission des norwegischen Olympiateams und Leiter des dortigen Olympiazentrums, der zunächst für die „Anzug-Schummelei“ des Skisprungteams um Entschuldigung bat. „Das entspricht in keiner Weise unserer Einstellung zum Fairplay im Sport!“ Anschließend berichtete er aus der Praxis des so erfolgreichen Sportlandes Norwegen, in dem 95 Prozent der Jugendlichen organisiert Sport treiben. Seine wichtigsten Punkte: Die Förderung auf die erfolgversprechendsten Sportarten fokussieren, dabei aber großen Wert auf die Gemeinschaft legen, alle Athlet*innen individuell fördern und Wissen teilen anstatt intern zu halten – und die Ziele mit Stringenz, Konsequenz und ohne Kompromisse verfolgen.

Kanu-Sportdirektor Jens Kahl kritisiert Umgang mit Trainerpersonal
Nachdem bei Currywurst, Dorschfilet, vegetarischer Lasagne und Kaltgetränken die Erkenntnisse des ersten Tages im gemeinsamen Abendprogramm verarbeitet wurden, stand am Dienstag der Blick nach vorn im Fokus. Zum Auftakt äußerte Jens Kahl, Sportdirektor des Deutschen Kanu-Verbands, in einer Talkrunde mit Thomas Behr, Geschäftsführer Leistungssport des Landessportverbands Schleswig-Holstein, Tabor und Boßdorf insbesondere deutliche Kritik am Umgang mit dem Trainingspersonal. „Ich bin seit 24 Jahren Sportdirektor, und genauso lange beschäftige ich mich mit Leistungssportreformen. Wie wir mit denen umgehen, die all die Reformen umsetzen sollen, nämlich mit unseren Trainerinnen und Trainern, ist unverantwortbar. Wenn es uns nicht endlich gelingt, eine bessere Bezahlung und mehr Wertschätzung für sie zu erreichen, brauchen wir uns über all das, was wir hier besprechen, überhaupt nicht zu unterhalten“, sagte er.
Den Tenor, dass Trainer*innen zuhauf an die besser zahlenden Bereiche Bildung und Wirtschaft verloren gingen, weil sie nicht adäquat entlohnt und nicht ausreichend motiviert und wertgeschätzt würden, teilten mehrere Teilnehmende. Ein deutlich besseres Anreizsystem und eine optimierte Ausbildung wurden als Lösungsansätze angeführt. Da es in der Konferenz jedoch weniger um extern verursachte Probleme und verstärkt um interne Hausaufgaben gehen sollte, wurden auch die in der Olympiaanalyse des DOSB ermittelten Problembereiche angesprochen.
Als Beispiel sei der Fakt angeführt, dass das Team D seit mehreren Zyklen im nacholympischen Jahr erfolgreicher ist als im Olympiajahr, die Leistungen dann aber im Laufe des Zyklus teils deutlich abnehmen – ein problematischer Befund, den es abzustellen gilt. „Es fällt auf, dass das Team D seit 2000 bei den nacholympischen Weltmeisterschaften deutlich besser abschneidet, während die Ergebnisentwicklung dann jeweils zu den Olympischen Spielen hin deutlich abnimmt”, sagte Jens-Christoph Pech, Referent für Sportförderung und Verbandsberatung, der die DOSB-seitige Analyse präsentierte. „Die Analyse der Nutzung der Strukturelemente zeigt Individualisierungstendenzen. Kaderzusammensetzungen und Besetzung von Förderstellen unterstreichen zudem die Notwendigkeit von effektivem und zielgerichtetem Ressourceneinsatz. Hoffnungsfroh stimmt vergleichsweise die hohe Anzahl an Finalplatzierten, die zudem vor allem von überdurchschnittlich jungen Athlet*innen errungen wurden.”
Es folgte eine erneute Workshop-Phase, in der für die wichtigsten Themenbereiche Lösungsansätze für die Umsetzung besprochen wurden. Die Themen waren: Alters- und entwicklungsgemäßer Aufbau; Vereine für den (Nachwuchs-)Leistungssport stärken; Zusammenarbeit im Nachwuchsleistungssport fördern; Kaderstrukturen/-kriterien am langfristigen Leistungsaufbau und Weltstand ausrichten; Professionalisierung im Leistungssport; für Nachwuchsleistungssport bestmögliches Leistungssportpersonal einsetzen; Qualitätssteigerung durch Konzentration von Standorten und Ressourcenbündelung; Qualitätssteigerung durch Zusammenführung von Kompetenz und Verantwortung in den Spitzenverbänden.
Olaf Tabor gelang es zum Abschluss, den Kreis zu schließen, indem er betonte, dass der DOSB seine internen Hausaufgaben ernst nehme und die kritische Auseinandersetzung mit den Problemen des Leistungssports weiterführen werde. Im 2023 von der Bund-Länder-Sport-Arbeitsgemeinschaft erstellten Feinkonzept zur Nachsteuerung und Optimierung der Förderung des Leistungs- und Spitzensports in Deutschland sind viele der notwendigen Maßnahmen bereits beschrieben und vereinbart worden. Nun müsse sich der Sport in gemeinschaftlicher Anstrengung mit seinen Partnern endlich auch an die Umsetzung machen.
Das war die Einleitung einer Antwort auf die selbst aufgeworfene Frage, was mit den gewonnenen Erkenntnissen anzufangen sei. „Unsere sportlichen, strukturellen und finanziellen Voraussetzungen sind nicht so schlecht, wie wir sie manchmal darstellen. Wir brauchen weniger Standardisierung und mehr Innovation, aber weder neue Papiere noch neue Arbeitsgruppen“, sagte Olaf Tabor. Das Thema Personal/Trainer werde man in die AG Leistungssportreform mit hoher Dringlichkeit einbringen, zudem einen Think Tank für den Nachwuchs-Leistungssport aufbauen. „Heute ist der Anfang von etwas, und es gibt viel Optimierungsbedarf. Aber ich bin optimistisch und freue mich darauf, all diese Themen anzupacken, damit wir mit dem deutschen Leistungssport wieder dorthin kommen, wo wir alle hinwollen.“