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Spuren der jüdischen Sportjugend in Berlin …

Die Neuauflage des Buches „Mit dem Davidstern auf der Brust. Spuren der jüdischen Sportjugend in Berlin zwischen 1898 und 1938“ macht den jüdischen Sport auf illustrativ-informative Weise neu sichtbar.

DOSB Redaktion
Prof. Dr. Detlef Kuhlmann

10.02.2025

Sport kann so faszinierend sein. Wer anfängt, in dem neu aufgelegten Buch über die sportlichen Aktivitäten der jüdischen Jugend in Berlin zu blättern, findet dort durchgängig Fotos mit freudig-fair aktiven Jugendlichen und blickt in friedlich-fröhliche Gesichter junger Leute, die den Sportlerinnen und Sportlern bei ihren Wettkämpfen begeistert zuschauen … eine schöne heile Sportwelt muss das im Berlin der 1930er Jahre gewesen sein.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Zur ganzen gehört nämlich auch, dass die Sport-Biografien dieser Jungen und Mädchen wenig später gebrochen und ein jähes Ende gefunden haben. Das Nazi-Regime hat dafür gesorgt, dass das Leben der Jugendlichen zusammen mit ihren Familien fortan von Flucht und Vertreibung aus Deutschland gekennzeichnet und in den meisten Fällen im Konzentrationslager geendet hat.

Der Band, der die bewegten und gleichsam bewegenden Schwarz-Weiß-Fotos enthält, ist die erweiterte Fassung der verdienstvollen Schrift des Berliner Historikers Kurt Schilde (inzwischen 77 Jahre alt) mit dem gleichen Titel aus dem Jahre 1988. Deswegen ist jetzt dem renommierten Potsdamer Sporthistoriker Prof. Dr. Hans Joachim Teichler und dem langjährigen Jugendreferenten des Landessportbundes (LSB) Berlin, Manfred Nippe, inzwischen auch ehrenamtlicher Beauftragter für Sportgeschichte im LSB, dafür zu danken, dass sie die Idee hatten und die Mühen auf sich genommen haben, dieses Buch erneut herauszugeben und damit die Spurensuche des jüdischen Sports in Berlin auf illustrativ-informative Weise für uns alle neu sichtbar zu machen. Der Dank richtet sich aber auch an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie an die Sportjugend im LSB Berlin, die das Projekt gefördert haben.

Wie ist das alte Buch neu aufgebaut? Nach dem dreiseitigen Vorwort der beiden Herausgeber, in dem sie die Spurensuche von damals zeithistorisch einordnen und in einen aktuellen Kontext stellen, folgt die gleichnamige, aber unveränderte Schrift von Kurt Schilde mit acht Kapiteln. Darin geht es eingangs um die Entstehung der jüdischen Sportbewegung mit den Anfängen am 22. Oktober 1898 in der Keimzelle Berlin, wo mit Bar Kochba der erste jüdische Turnverein gegründet wurde. Wir besuchen sodann verschiedene Berliner Sportstätten, die von jüdischen Sportlerinnen und Sportler genutzt wurden (z.B. Markgrafenstraße in Mariendorf und Treskowallee in Friedrichsfelde). Noch länger verweilen wir danach auf dem Sportplatz der Jüdischen Gemeinde im Grunewald („Im Jagen 57/58“), dem sportlichen Zentrum der sportbegeisterten Jugendlichen; hier ist auch die Mehrzahl der Fotos entstanden (z.B. beim Turnier anlässlich des Besuchs der Makkabi-Handballmannschaft aus Palästina im Juni 1937, beim Staffellauf der Jugendmeisterschaften des Deutschen Makkabi-Kreises im August 1938 sowie bei verschiedenen Sportfesten der jüdischen Schulen in Berlin).

Das mit über 40 Seiten umfangreichste Kapitel im Buch von Kurt Schilde ist dem jüdischen Sport in der Hauptstadt des „Dritten Reiches“ gewidmet, als die bis dahin wie selbstverständlich integrierten jüdischen Sportlerinnen und Sportler aus den Berliner Sportvereinen ausgeschlossen wurden (Stichwort: „Die Selbstgleichschaltung des deutschen Sports“) und dadurch erst die jüdischen Sportvereine Mitgliederzuwächse verzeichneten … bis zum tragischen Herbst 1938, wo noch am 22. Oktober das festliche Jubiläum zum 40. Geburtstag des Vereins Bar Kochba stattfand und wenige Tage später mit der Programnacht der jüdische Sportbetrieb nach all den vorherigen Restriktionen endgültig von den Nazis verboten wurde.

Das Buch von Kurt Schilde endet mit dem „Wiederbeginn nach der Befreiung“ (Kap. 8). Darin erfahren wir beispielsweise etwas über die Gründung von TuS Makkabi Berlin am 26. November 1970 und dass der alte jüdische Sportplatz im Grunewald heute vom Postsportverein (seit 2005 Pro Sport Berlin 24) und von Helios, einem Verein für Gesundheit und Sport aus der FKK-Bewegung, genutzt wird. Beiläufig ist auf Seite 93 dann auch zu lesen, dass der Deutsche Sportbund, eine der Vorgängerorganisationen des heutigen Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), als „Wiedergutmachungsleistung“ in den 1950er Jahren 10.000 D-Mark an den Makkabi-Weltverband zahlte.

Neu aufgenommen im Band ist am Ende der 25-seitige Aufsatz von Hans Joachim Teichler über „Jüdische Sportlerinnen und Sportler in Deutschland“. Darin porträtiert er u.a. die beiden ersten deutschen und zugleich jüdischen Olympiasieger von Athen 1896, nämlich die Turner und Cousins Alfred und Gustav Flatow; beide kamen im Konzentrationslager Theresienstadt zu Tode. Andere damals bekannte und höchst erfolgreiche Sportlerinnen wie die Fechterin Helene Mayer und die Hochspringerin Gretel Bergmann müssen genauso in Erinnerung bleiben wie etwa der jüdische Profiboxer im Halbschwergewicht Erwin Seelig und Daniel Prenn als jüdischer Tennisspieler im Davis-Cup.

Zum Schluss noch einmal an den Anfang dieser kleinen Buchpräsentation: Da war von den wunderbaren Bildern aus dem jungen jüdischen Sportleben in Berlin die Rede. Wer sich dazu ein „verbales Bild“ machen möchte, welche geradezu lebensbereichernde Bedeutung sportliche Aktivitäten damals für die jungen Menschen hatten, all denen sei der Erlebnisbericht von Inge Deutschkron (1922 - 2022) empfohlen. Sie war als Schülerin auf dem Sportgelände im Grunewald mit dabei. Das längere Zitat wird der Neuauflage auf Seite 10 quasi als „Leitbild“ vorangestellt und lautet: „Dort wurden Sportfeste abgehalten, bei denen jede Schule um den Sieg kämpfte. Das waren Ereignisse, die uns völlig in Anspruch nahmen und denen wir entgegenfieberten. Vielleicht ist die Erinnerung an diese Stunden auf dem Sportplatz Grunewald die einzig wirklich angenehme Erinnerung an meine Schulzeit. Alles Bedrückende, das auf uns auch in der Schule anlastete, war dort wie weggeweht. Wenn wir allerdings zur Rückfahrt in den S-Bahn-Zug einstiegen, war diese gelöste Atmosphäre ebenso schnell wieder verflogen.“

Im Original von Kurt Schilde steht das Zitat auf Seite 84 und wird in den zeithistorischen Kontext eingebunden. Hans Joachim Teichler wiederholt es auf Seite 121 und begreift es auch als emotionales Zeugnis von Angst und Isolation, von Schikane und Diskriminierung im Leben der jungen Jüdinnen und Juden. Das Zitat von Inge Deutschkron spannt - so gesehen - den Bogen aber auch sportlich zurück zum Titel des Buches und speziell hier zum Titelbild: Das zeigt nämlich zwei jüdische Sportlerinnen in ihren Davidstern-Trikots beim Zieleinlauf über (vermutlich) 100m …

Manfred Nippe und Hans Joachim Teichler (Hrsg.): Mit dem Davidstern auf der Brust. Spuren der jüdischen Sportjugend in Berlin zwischen 1898 und 1938. Erweiterte Fassung der 1988 erschienenen Erstausgabe. Berlin 2024: Verlag für Berlin-Brandenburg. 136 S.; 20,00 Euro.

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