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„Die Maccabiah muss ausgetragen werden, gerade jetzt!“

Vom 8. bis 22. Juli kommen in Jerusalem, Haifa, Netanya und Tel Aviv mehr als 11.000 jüdische Athlet*innen aus 80 Nationen zusammen, um sich bei der 22. Ausgabe der Maccabiah in 42 Disziplinen zu messen. Alon Meyer (50), seit 2013 Präsident von Makkabi Deutschland, spricht im Interview 100 Tage vor dem Start über die Bedeutung der Spiele.

DOSB Redaktion
DOSB Redaktion

01.04.2025

Sportler stehen in einem Kreis auf grünen Rasen. Sie tragen Trikots und haben ihre Arme um die Schultern gelegt.
Die Maccabiah ist das größte jüdische Sportereignis der Welt. Sie findet mit rund 10.000 jüdischen Sportler*innen alle vier Jahre in Israel statt.

DOSB: Alon, du hast in einigen Interviews herausgehoben, welche Zäsur der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 darstellt. Ist die kommende Maccabiah vor diesem Hintergrund die schwierigste, aber vielleicht auch wichtigste der Geschichte?

Alon Meyer: Wir hatten Ende der 80er-Jahre und um den Jahrtausendwechsel im Zuge der Intifada auch schon sehr schwierige Spiele. 2001 waren nur rund 25 Prozent aller infrage kommenden Teilnehmenden bereit, nach Israel zu reisen, auch wir waren nur mit einem Rumpfteam da. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass die erste Maccabiah seit dem terroristischen Angriff der Hamas unter einem ganz besonderen Stern steht. Die Lage ist sehr instabil und angespannt. Es ist nicht einfach, unter diesen Umständen Menschen als Teilnehmer einer Sportveranstaltung zu akquirieren. Aber wir haben Israel während der ersten beiden Intifadas den Rücken gestärkt und werden das auch jetzt wieder tun. 

Es gibt immer wieder Gerüchte, dass die Maccabiah wegen der Sicherheitslage kurzfristig ausfallen könnte. Wie ist da der Stand?

Ich war am vorvergangenen Wochenende zum Maccabiah-Weltkongress in Tel Aviv, und dort haben uns die Veranstalter in vielerlei Hinsicht sehr beruhigen können. Wer Israel, seine Politik und die Bürger kennt, der weiß, dass alles Menschenmögliche getan wird, um die Sicherheit zu garantieren. Israel richtet diese Spiele nicht nur angesichts der Verantwortung für deren Historie aus, sondern auch mit der Erfahrung eines Staates, in dem Sicherheit eine Rolle spielt, die wir uns in Deutschland nicht annähernd vorstellen können. Während meines Aufenthaltes in Tel Aviv gab es dreimal Bombenalarm, passiert ist gar nichts. Stand heute wird die Maccabiah keinesfalls abgesagt. Im Gegenteil, das Motto lautet „More than ever“, weil es gerade jetzt wichtig ist, ein Zeichen zu setzen, dass sich Juden nicht einschüchtern lassen wollen.

Die Maccabiah findet seit jeher in Israel statt. Warum ist das so? Wäre es nicht wichtig, auch außerhalb Israels mit einem solchen Großereignis Zeichen zu setzen?

Es hat einerseits historische und kulturelle Gründe, dass die Maccabiah immer in Israel stattfindet. 1932, als sie noch vor der Gründung des israelischen Staats im Jahr 1948 in Tel Aviv erstmals stattfand, war sie eine Reaktion darauf, dass Juden seit Ende des 19. Jahrhunderts weltweit aus Sportvereinen und von Sportveranstaltungen ausgeschlossen wurden und sich deshalb selbst organisieren mussten. Der zionistische Ansatz, eine geschützte Sportveranstaltung für jüdische Sportlerinnen und Sportler zu schaffen, spielt bis heute eine Rolle, auch wenn glücklicherweise Juden mittlerweile längst zu allen Großveranstaltungen zugelassen sind. Andererseits spielt auch der Sicherheitsaspekt eine Rolle, in Israel ist eine solche Veranstaltung am einfachsten zu schützen. Trotzdem setzen wir mit Veranstaltungen wie den European Maccabi Games, die 2015 in Berlin stattgefunden haben, auch außerhalb Israels Zeichen. 

  • Es braucht die Maccabiah, weil es noch immer Länder auf dieser Welt gibt, in denen Juden aus dem Sport ausgeschlossen werden und deshalb allen die Möglichkeit gegeben werden soll, sicher und fair zu Wettkämpfen anzutreten. Zum anderen bietet die Maccabiah eine sehr wichtige Plattform für Juden aus der ganzen Welt, sich zu treffen und zu vernetzen.

    Alon Meyer
    Präsident Makkabi Deutschland

    Nicht alle Religionen haben eigene Sportspiele, manche empfinden sie sogar als eher spalterisch denn verbindend. Dennoch ist die Maccabiah wichtig. Warum?

    Einerseits, weil es noch immer Länder auf dieser Welt gibt, in denen Juden aus dem Sport ausgeschlossen werden und deshalb allen die Möglichkeit gegeben werden soll, sicher und fair zu Wettkämpfen anzutreten. Zum anderen bietet die Maccabiah eine sehr wichtige Plattform für Juden aus der ganzen Welt, sich zu treffen und zu vernetzen. Sie ist zum Beispiel der größte Heiratsmarkt. Wenn sich jüdische Familien in der Diaspora finden müssen, ist das deutlich schwieriger als bei einer solch großen Zusammenkunft. Deshalb ist die Maccabiah so wichtig. 

    Das heißt, das Rahmenprogramm ist wichtiger als der Sport?

    Nein, der Sport steht absolut im Vordergrund. Die Wettkämpfe sind höchst professionell und finden auf sehr gutem Niveau statt. Aber die Veranstaltungen rund um die Wettkämpfe sind sicherlich deutlich wichtiger als bei anderen Sportevents. 

    Wenn die Maccabiah den größten Heiratsmarkt bildet: Herrscht denn Geschlechterparität unter den Teilnehmenden? 

    Das ist ein Thema, dessen Wichtigkeit von Austragung zu Austragung steigt. Die Frauenquote verbessert sich stetig, und sie hat im Weltverband und auch bei uns in Deutschland eine hohe Bedeutung. 

    Um an den Spielen teilnehmen zu können, zahlen die Athlet*innen eine Eigenbeteiligung. Das ist bei Sportveranstaltungen solcher Größe unüblich. Ist das etwas, das in eurer Mitgliedschaft kritisch gesehen wird? 

    Nein, gar nicht. Es gibt bei uns die klare Vorgabe, dass niemand wegen fehlender finanzieller Mittel von der Teilhabe ausgeschlossen wird. Es herrscht ein Solidaritätsprinzip, dass diejenigen, die es sich leisten können, diejenigen tragen, die es nicht können. Wir müssen die Realität im Auge haben: Israel ist das teuerste Land der Welt, wir zahlen für jeden Teilnehmenden eine Antrittsgebühr im mittleren fünfstelligen Bereich, dazu kommen die Kosten für Anreise, Unterbringung, Verpflegung. Das müssen wir auf die Teilnehmenden umlegen. Wir müssen von denen, die viel haben, möglichst viel nehmen, um die größtmögliche Zahl an Sportlerinnen und Sportlern entsenden zu können, aber dafür gibt es großes Verständnis. Und wie gesagt: Wer nicht ausreichend Geld hat, der bekommt Hilfe. 

    Wie ist denn die Stimmung bei den Makkabi-Vereinen in Deutschland aktuell? Nach dem Hamas-Überfall musstet ihr die Sicherheitsvorkehrungen deutlich verschärfen, viele Vereine mussten sogar ihren Betrieb vorläufig einstellen. Wie sieht es jetzt aus? 

    Es ist traurig, aber wahr: Man gewöhnt sich ein Stück weit an die angepasste Gefahrenlage. Die Sicherheitssysteme, die wir aufgebaut haben, greifen noch immer. Wir können aber leichte Entwarnung geben. Die Vereine, die ihren Betrieb vorläufig eingestellt hatten, haben ihn wieder aufnehmen können. Es ist also eine Verbesserung zu verzeichnen. Dennoch spüren wir alle, dass vieles anders ist seit dem 7. Oktober 2023. 

    • Die Maccabiah ist unser Leuchtturm, und die überwiegende Mehrheit der Mitglieder sagt: Sie muss ausgetragen werden, gerade jetzt! Es kann nicht die Lösung sein, solche wichtigen Veranstaltungen nicht mehr durchzuführen, wir wollen doch alle die Normalisierung jüdischen Lebens und damit auch des jüdischen Sports vorantreiben. 

      Alon Meyer
      Präsident Makkabi Deutschland

      Ist angesichts dieser Belastungen überhaupt eine Vorfreude auf die Maccabiah möglich, oder gibt es viele kritische Stimmen, die lieber darauf verzichten würden? 

      Nein, die gibt es nicht. Die Maccabiah ist unser Leuchtturm, und die überwiegende Mehrheit der Mitglieder sagt: Sie muss ausgetragen werden, gerade jetzt! Es kann nicht die Lösung sein, solche wichtigen Veranstaltungen nicht mehr durchzuführen, wir wollen doch alle die Normalisierung jüdischen Lebens und damit auch des jüdischen Sports vorantreiben. Deshalb kann ich feststellen, dass die Vorfreude groß ist. Viele brauchen dieses Event auch, um den Trauerprozess fortzuführen und der Aufarbeitung der schrecklichen Erlebnisse etwas Positives entgegenzusetzen. Das Leben zu feiern ist das, was wir wollen. Eine Absage wäre eine Kapitulationserklärung. 

      Dann verrate uns doch bitte zum Abschluss, auf was du dich im Sommer während der Maccabiah am meisten freust. 

      Ich freue mich auf Jüdischkeit, Sport und Gemeinschaft. Doch am meisten begeistern mich zwei Dinge: Der Einlauf der jüdisch-deutschen Makkabi-Delegation ins Teddy-Kollek-Stadion in Jerusalem – ein absolutes Gänsehaut-Erlebnis! Und das einzigartige Gemeinschaftsgefühl, wenn wir mit Tausenden Jüdinnen und Juden aus aller Welt in Erez Israel den Schabbat feiern. Gerade nach den vergangenen zwei Jahren ist es wichtiger denn je, stark zusammenzustehen und unser Leben, unsere Werte und den Sport zu feiern. 

      Maccabiah

      Die Maccabiah ist das größte jüdische Sportereignis der Welt. Sie findet alle vier Jahre in Israel statt. Mehr als 10.000 jüdische Sportlerinnen und Sportler nahmen an den beiden vergangenen Ausgaben teil. Auch in diesem Jahr wird eine ähnliche Zahl aus rund 80 Nationen erwartet. Medaillen werden in 42 Disziplinen vergeben, darunter im 3x3 Basketball, Fußball, Tennis, Gerätturnen und Schwimmen.

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