„Den Sport organisieren“ - Tagungsdokumentation erschienen
Der jetzt erschienene Band vereint alle 20 Referate der Tagung „Den Sport organisieren. Zur Geschichte und Zukunft der Sportvereine und -verbände in Deutschland“.

21.01.2025
Im Oktober 2023 fand im ehrwürdigen Kloster Maulbronn (Enzkreis in Baden-Württemberg) eine bundesweite Tagung zum Thema „Den Sport organisieren. Zur Geschichte und Zukunft der Sportvereine und -verbände in Deutschland“ statt. Eingeladen hatte das dort ansässige Institut für Sportgeschichte Baden-Württemberg e.V. (IfSG) aus Anlass seines 30-jährigen Bestehens zusammen mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft von Sportmuseen, Sportarchiven und Sportsammlungen e.V. (DAGS) aus Anlass ihres 20. Geburtstags. Jetzt ist der 312-seitige Tagungsband zu dieser Jubiläumsveranstaltung im aufwendigen Hochglanzformat erschienen.
Der Band vereint alle 20 Referate der Tagung zusammen mit dem Festvortrag des Münsteraner Sportwissenschaftlers Prof. Dr. Henk Erik Meier mit dem Titel „Der Vereinssport in der Abstiegsgesellschaft“. Darin präsentiert der Autor trotz vielfältiger gesellschaftlicher Krisenszenarios den „Sportverein als anpassungsfähigen Überlebenskünstler“ - zumal dann, wenn sich die Sportvereine in der Krise (wieder) auf ihr „Kerngeschäft“ besinnen. Das lautet nämlich banal und bescheiden: „sehr preiswert sportliche Aktivitäten anbieten zu können“ - die Stärkung von Gemeinschaft und Geselligkeit „in Bewegung“ sind darin „unentgeltlich“ eingeschlossen.
Die Gliederung der Tagung mit der zeitlichen Abfolge der Referate nach thematischen Sektionen findet sich im Tagungsband wieder, der von den beiden Gastgeber-Institutionen mit einem fünfköpfigen Team herausgegeben wird: In den ersten fünf Aufsätzen geht es um die „Anfänge des organisierten Sports von 1800 bis 1933“ (Sektion I). Hier referiert u.a. die Ludwigsburger Sportwissenschaftlerin Prof. Dr. Annette R. Hofmann über die Anfänge des Frauenturnens in der Deutschen Turnerschaft, namentlich mit Els Schröder (1899 - 1996) als erste Turnwartin.
In der Sektion II mit zwei Aufsätzen über „Vereine und Verbände bis 1933“ befindet sich die lokal reichhaltig recherchierte Studie über „Biografien jüdischer Sportler am Beispiel des Turnerbundes Bruchsal 1907“ von Helga Holz, ehemals Referentin für (Leistungs-) Sport und Sportentwicklung im baden-württembergischen Kultusministerium in Stuttgart. Im zeithistorischen Fortgang folgen danach drei Beiträge über
„Sportorganisationen im Umbruch“ (Sektion III) für den Zeitraum 1933 bis 1945, den der Potsdamer Sporthistoriker Dr. Berno Bahro mit „Gleichschaltung der Turn- und Sportverbände im Nationalsozialismus“ einleitet und der Magdeburger Sporthistoriker Michael Thomas mit dem „Neuanfang des Sports in Magdeburg“ abschließt. Dazwischen referiert Prof. Dr. Dr. Bernd Wedemeyer-Kolwe, wissenschaftlicher Leiter des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte (NISH) in Hannover, Ergebnisse einer dort in Auftrag gegebenen Studie zur nationalsozialistischen Belastung des Deutschen Ruderverbandes bzw. des Fachamtes Rudersport von 1933 bis 1945.
In der Sektion IV geht es um die Entwicklung und das Selbstverständnis von Vereinen und Verbänden, etwas frischer tituliert als: „Sport in der modernen Gesellschaft seit 1945“. Hier bietet z.B. der Jurist und ehemalige Präsident des Deutschen Hockey-Bundes Christoph Wüterich „Eine kurze Geschichte des Vereinsrechts“ an, während Ansbert Baumann (Universität des Saarlandes) sich mit den Zusammenhängen von Arbeitsmigration und dem sog. „Gastarbeiterfußball“ speziell in Baden-Württemberg mit seinen Ausformungen seit Mitte 1950er Jahre beschäftigt.
Drei Beiträge über „Sport im Archiv - Quellen zur Sportentwicklung“ (Sektion V) beschließen den opulenten Tagungsband. Die verbindende Klammer über alle drei Aufsätze besteht darin, dass sie die große Bedeutung des Sports als nicht-staatliches Archivgut unterstreichen - eine „Schatzkammer“, die vielerorts von den Vereinen und Verbänden erst noch entdeckt und gepflegt werden muss; Markus Friedrich, im Hauptberuf Leiter des Sportarchivs im Landesarchiv Baden-Württemberg, bezeichnet dennoch beispielhaft den Deutschen Fußball-Bund (Frankfurt), den Deutschen Basketball Bund (Hagen) und die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft (Bad Nenndorf) als vorbildlich dafür, was „die professionelle Betreuung sowie die Bereitstellung von Online-Findmittel“ angeht.
Martin Ehlers wirbt in seinem Rück- und Ausblick auf die Arbeit des Instituts für Sportgeschichte Baden-Württemberg ebenfalls für die zeitgemäße Befassung mit den erhaltenswerten Spuren des Kulturguts Sport - wofür freilich nicht nur gute Ideen und erfolgreiche Strategien vonnöten sind. Alle, die auf diesem auf Dauer gestellten sportlichen Sammelfeld unterwegs sind, benötigen auch viel Ausdauer und müssen immer wieder Nachwuchs rekrutieren …
Der (aus Altersgründen inzwischen sich im Ruhestand befindliche) Münsteraner Sportwissenschaftler Prof. Dr. Michael Krüger, im Ehrenamt auch Vorsitzender der DAGS, hatte schon in seiner Einführung zum Tagungsband bekräftigt, dass der „Sport inzwischen auch von öffentlichen Museen und staatlichen Archiven als wesentlicher Bestandteil des kulturellen Erbes angesehen und gepflegt“ wird - nicht ohne grundsätzlich anzumahnen, dass der organisierte Sport in Deutschland selbst sich in Zeiten mit Licht und Schatten entwickelt hat ... mit Aufbruch und dem Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung auf der einen und mit Phasen von Zwang, Unterdrückung und Ausgrenzung auf der anderen Seite … so dass „Freiheit, Demokratie und Integration“ immer das tragende Fundament von Sportentwicklung darstellen müssen.
Ein Fazit: Die Beiträge in diesem Tagungsband sind allen zu empfehlen, die eine Leidenschaft für Fragen und Themen der (historischen) Sportentwicklung bereits entdeckt haben; für alle anderen kann die Lektüre der Beiträge eine Einladung dazu sein … so ganz nebenbei wird der Band womöglich für einige sodann ein „Arbeitsbuch“ dafür, die eigene Geschichte im Verein bzw. Verband neu zu denken, noch sorgfältiger zu dokumentieren und nach innen und außen noch besser sichtbar zu machen: Nachhaltig und identitätsstiftend kann ein solches Unternehmen für den Sport und seine Entwicklung allemal sein. Das entscheiden jedoch erst spätere Generationen, wenn sie solche kollektiven Schatzkammern des Sports betreten. Der vorliegende Tagungsband kann aber jetzt schon ein Türöffner dafür sein.
Martin Ehlers/Markus Friedrich/Helga Holz/Michael Krüger/Lothar Wieser (Hrsg.): Den Sport organisieren. Zur Geschichte und Zukunft der Sportvereine und -verbände in Deutschland. Tagungsdokumentation. Vorträge des gleichnamigen Jubiläums-Symposiums in Kloster Maulbronn. Hildesheim 2024: arete Verlag. 312 S.; 28 Euro